Nackt bis auf die schwarze Augenmaske und die hochhackigen Schuhe steht sie vor uns: Miss Mary - gemalt von dem Künstler Hanns Ludwig Katz. Dr. Katharina Henkel:
"Miss Mary ist der Inbegriff der modernen Frau der 20er Jahre."
Sie trägt den damals topmodischen Bubikopf-Haarschnitt, hat ihre Wohnung mit avantgardistischen Möbeln im Bauhaus-Stil eingerichtet und präsentiert ihren Körper selbstbewusst und ohne Scham.
"Es soll angeblich eine Millionärin gewesen sein, von der Katz den Auftrag bekam, sie zu malen, und weil sie nicht erkannt werden möchte, trägt sie nun eine Maske, die man vom italienischen Karneval auch kennt... ihre Eitelkeit wird über verschiedene Attribute verdeutlicht: Zum einen betrachtet sie sich selbst mit einem gewissen Wohlgefallen im Handspiegel. Sie lächelt sich selbst an..."
... zum anderen hält sie in der anderen Hand eine Puderquaste, während links im Bild eine Spiegelkommode mit diversen Kosmetikutensilien steht. Rechts dagegen prangt ein Strauß roter Lilien. Die weiße Lilie steht in der Kunstgeschichte traditionell für die Jungfräulichkeit Mariens, die rote Lilie verweist auf das Gegenteil - auf Erotik, Lust und Leidenschaft.
Auffällig ist - vorne rechts - die weiße Katze.
"Die Katze ist ein Sinnbild für die Eitelkeit, sie schleckt und pflegt sich ja permanent, und auf der anderen Seite ist aber auch ein schönes Wortspiel darin enthalten: Weil natürlich der Name des Künstlers Katz genauso in dem Namen des Tieres enthalten ist."
Hanns Ludwig Katz hat sich auch selbst - mit süffisantem Lächeln auf den Lippen - ins Bild gesetzt: Darauf hätte er besser verzichtet, wie Dr. Nils Ohlsen verrät:
"Als sich der Künstler denn selbst dazu gemalt hat, wie er sein Modell von hinten betrachtet, ist dieser Auftrag doch dann wieder abgelehnt worden von der amerikanischen Millionärin, die dem Künstler diesen Auftrag gegeben hat."
Im Besitz des Künstlers, 1926–mindestens 1936 [1]; Sammlung Hans Wongtschowski, Johannesburg/Haenertsburg, ####–1984 [2]; Cassirer Fine Art, Johannesburg, mindestens 04.11.1984–Dezember 1984 [3]; Stiftung Henri Nannen, Dezember 1984 [4]
[1] & [2] Das Gemälde befand sich höchstwahrscheinlich unter den Werken, die Hanns Ludwig Katz (1892–1940) 1936 bei seiner Emigration nach Südafrika mit sich nahm. Es war Teil der 28 Werke umfassenden Gedächtnisausstellung von 1961, die Ruth Katz zu Ehren ihres verstorbenen Mannes mit Unterstützung von Hans Wongtschowski für die Lawrence Adler Galleries, Johannesburg organisierte. Ob sich das Gemälde 1961 noch im Nachlass des Künstlers befand oder bereits zur Sammlung von Hans Wongtschowski gehörte, ist bislang unbekannt. Der Katalog der Gedächtnisausstellung von 1961 (Ausst.-Kat. Memorial Exhibition 1961, Nr. 14) gibt keinen Aufschluss über die Besitzverhältnisse. Ruth Katz verließ Südafrika 1965 und übergab die Verwaltung des Nachlasses an Hans Wongtschowski, mit dem eine lange Freundschaft bestand: Ruth und Hanns Ludwig Katz wohnten nach ihrer Emigration mit dem jüdischen Ehepaar Else und Hans Wongtschowski zusammen, das ebenfalls 1936 nach Südafrika emigriert war und mit dem bereits ab 1934 oder 1935 in Frankfurt am Main eine freundschaftliche Verbindung bestand.
[3] In einem Henri Nannen als Kopie zugänglich gemachten Schreiben vom 24. Oktober 1984 weist Wongtschowski das Gemälde als in seinem Besitz befindlich aus. Reinhold Cassirer, Inhaber von Cassirer Fine Art, der vom 4. bis zum 17. November 1984 Werke von Katz sowie von anderen Künstlerinnen und Künstlern präsentierte, erhielt das Werk in Kommission von Wongtschowski.
[4] Rechnung von Cassirer Fine Art vom 19.12.1984; interne Bestandslisten.
Status: Die Provenienz des Werks ist geklärt und unbedenklich.