"Ödland - Ein Atlas" hat Maxim Kantor seine umfangreiche Grafikmappe genannt, aus der Sie hier eine Auswahl sehen. Das zwischen 1999 und 2001 entstandene Werk besteht aus 70 Druckgrafiken und einem literarischen Text in Form von sieben fiktiven Briefen. Lassen Sie die hier gezeigten Grafiken in Ruhe auf sich wirken, während ich Ihnen mehr über dieses außergewöhnliche Werk und den Künstler erzähle.
Der 1957 in Moskau geborene Maxim Kantor zählt zu den bedeutendsten russischen Malern und Grafikern der Gegenwart. In diesen Blättern entfaltet er ein illusionslos düsteres Panorama der russischen Gesellschaft nach dem Zerfall der Sowjetunion - geprägt von materieller Armut, sozialer Perspektivlosigkeit und emotionaler Verrohung. Drei große Themenstränge durchziehen das Werk: Schonungslos präzise Porträts meist anonymer Menschen erinnern in ihrem Realismus an Otto Dix oder George Grosz. Daneben stehen Alltagsszenen und -stillleben: ein Paar ausgelatschter Schuhe, ein kahler Baum, Straßenszenen, Trinker, Wartende. Hinzu kommen sinnbildhafte Gesellschaftsentwürfe mit Titeln wie "Der Staat", "Das Rad der Geschichte" oder "Die Chimäre Eurasien". Hier wird deutlich, dass Kantors Anspruch weit über ein bloßes Abbild des Alltags hinausreicht.
Auf meisterhafte Weise kombiniert der Künstler die Technik der schwarzweißen Aquatinta-Radierung mit dem signalhaft eingesetzten Rot des Holzschnitts. Bewusst greift der Künstler hier die Tradition des russischen Volksbilderbogens, des so genannten "Lubok", auf. Sein Zyklus verarbeitet eine Fülle von Anspielungen an Kunst und Literatur - von Bruegel bis Picasso, von Dante bis T.S. Eliot. Auf dessen berühmtes Gedicht "The Waste Land" verweist der Titel "Ödland".
Auch Pjotr Tschaadajew, Puschkin, Majakowski und Solschenizyn spielen in dem Werk eine Rolle. So reflektiert Kantor auf intellektuelle Weise das russische Selbstverständnis mit seinen historischen Brüchen und Widersprüchen. Es spiegelt die russische Identitätssuche zwischen europäischem Westen und asiatischem Osten in Bildern von intimer Menschennähe.