"La Carpe Postale - Ansichtskarpfen" hat Asger Jorn diese Arbeit genannt - ein witzig-poetisches Wortspiel. Es funktioniert im Französischen ebenso wie im Deutschen: Nur einen einzigen Buchstaben tauschte der Künstler aus - und schon wurde aus "La Carte Postale", also der Post- oder Ansichtskarte, ein Karpfen - französisch "Carpe". Ein "Ansichtskarpfen" eben. Jorn besaß ein geniales Talent für solche spielerischen Metamorphosen. Er war in vielen Sprachen und Ländern Europas zu Hause, lebte abwechselnd in Paris, Italien und seiner dänischen Heimat. Für seine Bildtitel nutzte er meist die Sprache des Landes, in dem das jeweilige Werk entstand. Diese Papierarbeit schuf er 1968 vermutlich in Paris, wo er sich in diesem Jahr mehrfach aufhielt.
Es ist eine Collage aus verschiedenfarbigen Blättern - und zugleich eine Décollage: Denn teilweise hat der Künstler die in vielen Schichten übereinandergeklebten Papiere durch Abreißen und Herausreißen einzelner Partien auch wieder abgetragen. Die dabei entstehenden Zufallseffekte waren erwünscht - ebenso wie unverhofft auftauchende, gegenständliche Assoziationen. Blinzelt uns aus dem winzigen schwarzen Auge nicht tatsächlich ein Fisch entgegen? Das muss der "Ansichtskarpfen" sein, den der Titel meint!
Asger Jorn hatte sich mit der Technik der Collage bereits in den 30er Jahren beschäftigt, angeregt durch Arbeiten der Pariser Surrealisten wie Max Ernst. Das Décollage-Verfahren hingegen kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf, als französische Avantgardekünstler wie Jacques de la Villeglé und Raymond Hains zerrissene Plakatwände aus den Straßen von Paris zu großformatigen eigenen Werken umgestalteten. Auch Asger Jorn verwendete teilweise abgerissene Plakate als Ausgangsmaterial - etwa hier in der oberen Hälfte seiner Collage.