Mit geradezu unheimlicher Intensität und bannender Kraft blicken uns riesige, katzenhafte Augen entgegen. Die Lippen der Frau sind fest geschlossen wie in äußerster Konzentration. Rote Akzente leuchten auf ihren Wangen auf - doch letztlich wandert unser Blick wie magisch angezogen immer wieder zurück zu den schwarzumrandeten Augen, die in grellem Grün leuchten.
Dieses Gemälde hat mit einem herkömmlichen, realistischen Porträt wenig gemein. Der aus Russland stammende Maler Alexej von Jawlensky malte es 1910. Offensichtlich ging es ihm nicht um die Wiedergabe der individuellen, äußeren Gesichtszüge der Frau, sondern um die Ausstrahlung ihrer Persönlichkeit, die gesteigerte Darstellung ihrer inneren Wesenszüge. Vor allem die rätselhafte und dunkle Seite der menschlichen Psyche faszinierte den Maler dabei anscheinend. Um ihr Ausdruck zu verleihen, steigerte der Künstler die Farben bis ins Extrem: Er ließ dunkles Blau aus der Tiefe heraufleuchten, stellte giftiges Grün neben samtiges Rot. Aus dem Zusammenspiel gewagter Klänge erwuchs die geheimnisvoll- fremdartige Atmosphäre des Bildes. Fast überdeutlich arbeitete Jawlensky die katzenhaften Züge des Gesichts heraus: Achten Sie einmal auf die spitz zulaufende, kantige Kinnpartie, den wie eine Schnauze vorgeschobenen Mund und natürlich die grünen Augen.
Die dargestellte "Mutter des Nikita" gehörte zum russischen Bekanntenkreis des Malers in München.
Dorthin war der 1865 geborene Jawlensky zusammen mit seiner Frau und der befreundeten Malerin Marianne von Werefkin um die Jahrhundertwende übergesiedelt, nachdem er seine Militärlaufbahn in Russland abgebrochen hatte und Maler geworden war. In München stand er dem Kreis um Kandinsky nahe und ließ sich vor allem von der farbintensiven, ausdrucksstarken Malerei der französischen "Fauves" beeinflussen, also von Malern wie Matisse oder Andre Derain.
Atelier des Künstlers, ####–#### [1]; Lisa Kümmel, Wiesbaden, ####–#### [2]; Privatsammlung, ####–#### [3]; Margit Chanin, New York, ####–#### [4]; Hans Kleinschmidt. New York, ####–#### [5]; Kornfeld & Klipstein, Bern, ####–mindestens 1972 [6]; Sotheby’s, London, ####– mindestens 1977 [7]; Galerie Medusa, Rom, ####–#### [8]; Serge Sabarsky Gallery, New York, ####–Mai 1979 [9]; Henri Nannen Kunsthandel, Hamburg/Emden, Mai 1979–September 1986 [10]; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri Nannen, Oktober 1986 [11]
[1]–[8] Die Angaben entstammen dem Werkverzeichnis: Maria Jawlensky, Lucia Peroni-Jawlensky, Angelica Jawlensky: Alexej von Jawlensky, Catalogue Raisonné of the Oil Paintings, Volume One 1890-1914, München 1991, Nr. 325, S. 277); dort werden als Quellen die Auktionskataloge von Korfeld & Klipstein (145. Auktion, Bern 1972, Nr. 434, Abb. verso und recto) sowie von Sotheby's London (Juni 1977, Nr. 53, Abb.) angeführt.
[9] & [10] Rechnung der Serge Sabarsky Gallery, New York, vom 11.5.1979; interne Bestandslisten.
[11] Am 01.10.1986 wurde der Henri Nannen Kunsthandel mit Kunstgegenständen von Henri Nannen als Zustiftung auf die Stiftung Henri Nannen übertragen; Stiftungsvertrag; interne Bestandslisten.
Status: Die Provenienz ist für die Zeit von 1933 bis 1945 lückenhaft und nicht zweifelsfrei unbedenklich. Weitere Nachforschungen sind geboten. Aktuell besteht kein konkreter Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug.