Höchste Konzentration und tiefe Ruhe verbinden sich in dem kleinformatigen, in dunklen Farben glühenden Gemälde. Ist dies noch ein menschliches Gesicht oder schon eine rein abstrakte Komposition? Der Titel des Bildes von Alexej von Jawlensky lässt es offen: "Kleiner abstrakter Kopf (Kleine konstruktive Meditation)". Als der russische Künstler das Bild 1934 schuf, war er bereits fast 70 Jahre alt: Es gehört zur spätesten Werkgruppe des Malers, die er - trotz Ausstellungsverbots - während der NS-Zeit in Deutschland schuf.
Im Laufe seiner künstlerischen Entwicklung hatte Jawlensky sich konsequent Schritt für Schritt von der naturalistischen Wiedergabe der Realität gelöst, um die meditative, geistige Kraft seiner Werke zu steigern. Dabei konzentrierte er sich hauptsächlich auf ein einziges Motiv: das menschliche Gesicht - das er stets streng frontal ins Bild setzte, so wie hier. In immer neuen farbigen Varianten lotete Jawlensky das einmal gefundene Bildkonzept aus.
Horizontale und vertikale Balken markieren Augen und Nase, zugleich aber bilden sie die Form eines Kreuzes - des christlichen Symbols für den Erlösertod Christi. Darin liegt der tiefere Sinn von Jawlensky späten Meditationen. Es sind avantgardistische Kunstwerke - und zugleich religiöse Werke mit der spirituellen Kraft mittelalterlicher Ikonen. Ein Kindheitserlebnis hatte den orthodox-gläubigen Jawlensky entscheidend geprägt, wie er in seinen Erinnerungen berichtet:
"Nach einigen Tagen Aufenthalt in Aschenstowo brachte die Mutter uns Kinder in eine berühmte Kirche - Kostjol - wo sich eine berühmte Ikone einer wundertätigen Muttergottes befand. Als wir kamen, war das Bild von einem goldenen Vorhang verhüllt. Es war sehr still. Plötzlich zerrissen starke Posaunenklänge die Stille. Ich erschrak schrecklich und sah, wie der goldene Vorhang zurückging und die Muttergottes in goldenem Gewand erschien."
Bislang unbekannte Provenienz, ####–#### [1]; Galerie Thomas, München, ####–Oktober 1980 [2]; Henri Nannen Kunsthandel, Hamburg/Emden, Oktober 1980–September 1986 [3]; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri Nannen, Oktober 1986 [4]
[1] Bislang unbekannte Provenienz.
[2] & [3] Rechnung der Galerie Thomas, München, vom 25.10.1980; interne Bestandslisten.
[4] Am 01.10.1986 wurde der Henri Nannen Kunsthandel mit Kunstgegenständen von Henri Nannen als Zustiftung auf die Stiftung Henri Nannen übertragen; Stiftungsvertrag; interne Bestandslisten.
Status: Die Provenienz ist für die Zeit von 1933 bis 1945 lückenhaft und nicht zweifelsfrei unbedenklich. Weitere Nachforschungen sind geboten. Aktuell besteht kein konkreter Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug.