
KÜNSTLER
Karl Hofer (1878 Karlsruhe – 1955 Berlin)
TITEL
Tiller-Girls
DATIERUNG
um 1923
MATERIAL & TECHNIK
Öl auf Leinwand
SAMMLUNG
Stiftung durch Eske Nannen
Vorhang auf, Spot an: Auftritt - die berühmten Tiller-Girls! Im mitreißenden Rhythmus der Musik marschieren die Mädchen auf die Bühne, schwenken die schlanken Beine, ihre Körper leuchten im Scheinwerferlicht hell auf, die modischen Bubikopf-Frisuren sind perfekt gestylt, die Lippen knallrot geschminkt. Mit sinnenverwirrendem Tempo und forcierter Erotik verdrehen sie Männern den Kopf. Die Tiller-Girls, von denen Karl Hofer hier zwei Tänzerinnen lebensgroß ins Bild setzt, traten stets in großen Formationen von einem Dutzend oder mehr Mädchen auf. Sie waren die Bühnenattraktion im Berlin der Zwanziger Jahre - und ein vieldiskutiertes Phänomen. Der berühmte Theaterkritiker Alfred Polgar schrieb:
"Girls nennt man Gruppen von jüngeren Frauen, die bereit sind, ziemlich entkleidet auf einer Bühne genau vorgeschriebene parallele Bewegungen zu machen. Der Zweck ihres Erscheinens und Tuns ist, Zuschauer erotisch anzuregen und diese hierdurch über das, was sonst auf der Bühne vorgeht, zu trösten. Darbietungen, die durch ein derart elastisches, möglichst langes, fleischfarbenes Band zusammengehalten werden, heißen Revuen. Hier findet der Wunschtraum des Mannes, der von vielen Frauen in einer träumt, zumindest durchs Aug' Erfüllung. Noch ein anderer Zauber als der erotische wirkt sich in Erscheinung und Tun des Girls aus - der Zauber des Militärischen: dieses Einexerzierte, Taktmäßige, das Untertauchen des Individuums in die Vielzahl.
Gespenstisch an den Girls ist, dass sie auch Gesichter haben. Das menschliche Antlitz als Zugabe, als sinnloser Annex von Büste, Bauch und Beinen... das ist ein wenig unheimlich. Darum lächeln tüchtige Girls auch ohne Unterlass."
So wie hier im Bild von Karl Hofer. Aber traten die Tiller-Girls wirklich splitterfasernackt auf? In diesem Punkt geht der Maler einen Schritt weiter als die Impresarios der Zwanziger: Er lässt bei seinen Tänzerinnen auch noch die letzten Hüllen fallen - ganz so, wie viele Zuschauer wohl in ihrer Phantasie...
Galerie Alfred Flechtheim, Berlin, 1927 [1]; C.W. Hamilton, New York, 1927–#### [2]; bislang unbekannte Provenienz, ####–#### [3]; Galerie Griebert, München, spätestens 1970–mindestens 1971 [4]; Privatbesitz, Norwegen, ####–#### [5]; Graphisches Kabinett Kunsthandel Wolfgang Werner KG, Bremen, ####–#### [6]; Galerie Gunzenhauser, München, ####–1976 [7]; Privatsammlung Henri Nannen, Hamburg/Emden, 1976–08.11.1995 [8]; Eske Nannen, Emden, als Schenkung von Henri Nannen am 08.11.1995; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri und Eske Nannen, als Zustiftung von Eske Nannen, 08.11.1995 [9]
[1] Ausst.-Kat Carl Hofer und Ernesto di Fiori, Galerie Alfred Flechtheim, Berlin 1927, Nr. 26.
[2] Angabe im Werkverzeichnis, vgl.: Karl Hofer. Werkverzeichnis der Gemälde, Bd. 1–3, hrsg. von Karl Bernhardt Wohlert und Markus Eisenbeis, Köln 2007, Band 2, S. 156, Nr. 760. Das Gemälde war 1927 und 1928 in den USA öffentlich ausgestellt: Ausst.-Kat. 26th Annual International Exhibition of Paintings, Carnegie Institute, Pittsburgh, 1927, Nr. 183 (Two Dancing Girls); Ausst.-Kat. Selection from 26th Carnegie International, Brooklyn Museum, New York, 1928, Nr. 145.
[3] Bislang unbekannte Provenienz.
[4] Das Werkverzeichnis (Wohlert/Eisenbeis 2007, S. 156, Nr. 760) gibt die Ausstellung an, bei der die Galerie Griebert den Stand 24 bekleidete.
[5] Angabe entstammt dem Werkverzeichnis von Wohlert und Eisenbeis (Vgl. Wohlert/Eisenbeis 2007, Bd. 2, S. 156, Nr. 760).
[6] Schreiben vom 16. Januar 1987, in dem Alfred Gunzenhausen empfiehlt, sich für Fragen zur Provenienz des Gemäldes an das Graphische Kabinett Kunsthandel Wolfgang Werner KG, Bremen, zu wenden. Eventuell befand sich das Werk in Kommission von Werner bei Gunzenhausen.
[7] Inventarliste der Privatsammlung Henri Nannens; bislang keine Rechnung/Originalbeleg.
[8] Im Werkverzeichnis (Wohlert/Eisenbeis 2007, Bd. 2, S. 156, Nr. 760) ist als Besitzer zunächst die Galerie Gunzenhauser, München, dann die Galerie Werner, Bremen, aufgeführt, was für eine zur Verfügungstellung in Kommission zwischen beiden Kunsthändlern spricht.
[9] Schenkungsvertrag und notariell beglaubigte »Bestätigung des Vollzuges der Zustiftung« durch Eske Nannen; interne Bestandslisten.
Status: Die Provenienz ist für die Zeit von 1933 bis 1945 lückenhaft und nicht zweifelsfrei unbedenklich. Weitere Nachforschungen sind geboten. Aktuell besteht kein konkreter Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug.
Lost Art-Datenbank: Fundmeldung, Lost Art-ID615366