Gellend schreit der blonde Junge links im Vordergrund auf, die Augen vor Schreck weit aufgerissen. Auch auf den Gesichtern der anderen Menschen, die aus dem Bild nach vorne drängen und gleichzeitig zurückschrecken, spiegeln sich blankes Entsetzen und hilflose Wut. Was diese Menschen so in Panik versetzt, sehen wir ganz vorne links: Dort ragen spitze Bajonette ins Bild. Wir selbst finden uns durch die Bildregie des Malers Bernhard Heisig in die Rolle der Täter versetzt. Rechts im Hintergrund reihen sich bereits die offenen Särge der Opfer. Dahinter hängt ein rotes Schriftband, auf dem sich französische Wörter entziffern und zu einem Satz ergänzen lassen: "Vous êtes travailleurs aussi", "Ihr seid auch Arbeiter" - ein offenbar nutzloser Appell an die Solidarität der Angreifer.
Bernhard Heisig griff in diesem Gemälde ein historisches Ereignis auf: den Volksaufstand der Pariser Kommune gegen die Monarchie im Mai 1871. 20 000 Menschen starben damals bei Barrikadenkämpfen und den anschließenden Massenerschießungen. Immer wieder setzte sich Heisig seit den 1950er Jahren mit diesem Stoff auseinander. Dabei verarbeitete der in der DDR lebende Künstler auch eigene Kriegserfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg. In immer neuen Versionen aktualisierte und interpretierte er das historische Geschehen - und geriet mit der herrschenden Kunstdoktrin der DDR in Konflikt. Zwar lehrte Heisig als anerkannter Künstler an der Leipziger Hochschule, doch seine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der Revolutionsgeschichte entsprach nicht den offiziellen Vorstellungen einer ideologisch eindeutigen Kunst. Statt den heroischen Sieg der Arbeiterklasse zu feiern, entwarf Heisig ein tragisches Welttheater voller Ambivalenzen, geprägt von Leid, Hass und Ohnmacht.
Die Version, die wir hier vor uns sehen, entstand 1992/93, also nach der deutschen Wiedervereinigung. Nun gewann Heisig dem Thema eine neue Bedeutungsfacette ab: In der hinter Stacheldraht zusammengepferchten Menschengruppe scheint sich auch die Erinnerung an das Eingeschlossensein hinter der deutsch-deutschen Grenze zu spiegeln.