Wenige, rasch auf das Blatt gesetzte Striche genügen dem Brücke-Künstler Erich Heckel, um diesen liegenden Frauenakt zu umreißen: Erscheint die Schöne nicht überraschend lebendig? Wie ausdrucksvoll ihre großen, mandelförmigen Augen unter den schweren, halbgeschlossenen Lidern blicken! Vermutlich dauerte es nur wenige Minuten, bis die Zeichnung fertig war - und doch liegt darin viel mehr als eine belanglose Momentaufnahme. Denn dies ist keine Vorstudie oder bloße Skizze, sondern ein eigenständiges Kunstwerk - entstanden aus dem Augenblick heraus, ohne Netz und doppelten Boden. Ein Wagnis wie das Leben selbst.
Liegende Frauenakte gehören seit der Renaissance zu den großen Themen der Kunstgeschichte. In den Gemäldegalerien von Dresden und Berlin, wo Erich Heckel lebte, konnte man berühmte Beispiele von Tizian und anderen bewundern. Doch die hohe Kunst der Aktmalerei mit ihren sinnlich modellierten, ideal schönen Körpern interessierte Heckel und die anderen Brücke-Künstler wenig. Sie bemühten sich weder um anatomische Korrektheit, noch um klassische Schönheit: Lebendig und unmittelbar wollten sie wiedergeben, was sie sahen und erlebten. Wenn es dabei zu rasanten Verkürzungen und gewagten Verzerrungen kam, so nahmen sie dies bewusst in Kauf und machten daraus ein Ausdrucksmittel ihrer Kunst - zum Entsetzen des bürgerlichen Publikums.
In ihrem Gründungsmanifest schrieben die Brücke-Künstler 1905:
"Mit dem Glauben an Entwicklung, an eine neue Generation der Schaffenden wie der Genießenden rufen wir alle Jugend zusammen. Und als Jugend die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen, älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt."