Berlin 1919: Der Erste Weltkrieg ist verloren, Krieg und Revolution haben das wilhelminische Kaiserreich hinweggefegt. Für junge Künstler wie George Grosz sind die überkommenen Werte, Moralvorstellungen und Kunstideale nur noch Zielscheibe für Hohn und Spott. Grosz liebt es, zu provozieren - und gehört in der brodelnden Berliner Nachkriegsära zu den wütendsten Kritikern der Gesellschaft: Überall registriert er Verlogenheit, Militarismus, Chauvismus und Brutalität.
In grellen Farben und mit spitzer Feder lässt er hier die Typen und Kulissen der großen Stadt vor uns auftreten: ein grellbuntes Kaleidoskop - die Horrorvision einer modernen Metropole.
Vorne rechts betritt ein Ganove die Großstadtbühne, das blutige Messer in der Hand, die brutale Visage von blauen Flecken entstellt: Wer wird sein nächstes Opfer sein? Münzen und Spielkarten fliegen auf den Tisch, Schnaps und Wein stehen bereit: Requisiten des lasterhaften Nachtlebens. Riesengroß blähen sich darüber die Leiber der nackten Prostituierten - fleischgewordene Männerphantasien. Bei der rechten der beiden Frauengestalten spielt Grosz durch den torsohaften Oberkörper auf antike Skulpturen an. Doch ihre betonte Scham macht unmissverständlich deutlich, dass sie eine Verlockung aus Fleisch und Blut verkörpert. Sehen Sie direkt rechts davon Arzneiflasche und Spritze auf dem blutrotem Tisch? Möglicherweise spielt Grosz hier auf die unter Prostituierten üblichen Abtreibungspraktiken an. Weiter links jedenfalls nähert sich mit großen Schritten eine bleiche Totenkopfgestalt. Tod und Brutalität sind allgegenwärtig in diesem Großstadtdschungel.
Aufgrund seiner aggressiven Bildsatiren geriet George Grosz in der Weimarer Republik mehrfach mit der Obrigkeit aneinander, wurde wegen Blasphemie und Beleidigung der Reichswehr angeklagt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierte er 1933 in die USA.