Wie ein Gigant erhebt sich der "Kristalline Mensch", so der Titel dieses großformatigen Werkes, vor flammend rotem und gelb-orangem Hintergrund. Erst allmählich scheint sich die metallisch blaue Gestalt - halb Maschinenmensch, halb Geisteskrieger - ihrer Möglichkeiten bewusst zu werden. Ist dies der neue, befreite Mensch, der sich aus dem - vielleicht im Hintergrund angedeuteten - zersprengten roten Stern des Kommunismus erhebt?
Mit seiner ausdrucksgeladenen, vehementen Malweise stellt sich der Künstler Nikolaj W. Filatow in die Tradition des klassischen Expressionismus. Auch im Westen zeigten sich in den 80er Jahren - unter ganz anderen politischen Voraussetzungen - neoexpressive Tendenzen in der Malerei: etwa bei den "Jungen Wilden" wie Rainer Fetting und A. R. Penck oder bei Georg Baselitz. Filatow allerdings sah sich eher in einer Reihe mit den Protagonisten der russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts - und im Bann großer geistiger Vorbilder. Er formulierte nicht ohne Pathos:
"Aus leichtem Nebeldunst der Vergangenheit treten die Umrisse der Figuren Darwins und Nietzsches hervor und unmittelbar nach ihnen - die Kierkegaards, Freuds, Heideggers (...). Daran beteiligt sind auch kühne russische Träumer: Solowjow und Tolstoj, Fedorow, Gorkij... So wird der Mensch zum Schöpfer der Geschichte. Es entstehen Mythen und ihre Helden werden geboren. (...) Und da ist die Hoffnung, dass sich bald vieles vom Schlechten reinigen wird und (...) die Wahrheit in ihrer blendenden Schönheit erstrahlen wird."
Auch Filatows 1987 entstandenes Gemälde scheint die großen Hoffnungen und Ängste angesichts einer neuen Zeit zu beschwören. Ein Jahr zuvor hatte Michail Gorbatschow die Ära von Glasnost und Perestroika eingeleitet.