
KÜNSTLER
Lyonel Feininger (1871 New York, USA – 1956 New York, USA)
TITEL
Schwarze Welle
DATIERUNG
1937
MATERIAL & TECHNIK
Öl auf Hanf
SAMMLUNG
Stiftung durch Henri Nannen
Eine mächtige schwarze Welle hebt den Viermaster empor. Unter vollen Segeln nimmt er Kurs von rechts nach links: gen Westen. Ein klassisches Thema der Malerei - das Seestück - hat der Bauhaus-Maler Lyonel Feininger hier in avantgardistische Malerei verwandelt. Der 1871 in New York geborene Feininger liebte Schiffe und das Meer: Sie gehören zu seinen Lieblingsmotiven - neben Architekturansichten und Landschaften. Dr. Nils Ohlsen:
"Das ist der typische Stil von Feininger, der den Himmel nicht einfarbig malt, sondern wie ein gefaltetes Stück Papier, was von einer Seite beleuchtet wird, darstellt, mit hellen und dunklen Flächen, mit scharfen Graten, die hier gebrochen sind.
Biographisch ist dieses Bild sehr interessant und sehr wichtig, da es genau in dem Jahr gemalt ist, als Feininger in die USA auswandern muss, weil er in Deutschland verfolgt wird, verfehmt ist, seine Bilder werden aus den Museen entfernt. 1937 entschließt er sich, endgültig in die USA auszuwandern, dort, wo er geboren ist. Und dieser große Segler, der sich hier von rechts nach links eine Welle hochkämpft, symbolisiert im Grunde biografisch diese Situation der Flucht ins Ungewisse"
Schauen Sie sich einmal den Horizont auf linken Seite des Bildes an - und dann seinen Verlauf auf der rechten Seite: Dazwischen gibt es einen radikalen Bruch.
Feininger konstruierte seine prismatisch gebrochene Formenwelt wie ein Ingenieur, mit linealscharf gezogenen Linien, aber ohne Rücksicht auf eine naturalistische Sicht der Dinge. Als "Formmeister" lehrte er viele Jahre am Bauhaus, bevor die Schule 1933 auf Druck der Nazionalsozialisten geschlossen wurde.
Ist Ihnen übrigens die amerikanische Flagge am Heck des Schiffes aufgefallen? Dr. Katharina Henkel:
"Feininger ist ja Amerikaner, er ist in New York geboren und nach vierzigjährigem Aufenthalt in Deutschland kehrt er nach USA zurück, zwar nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen, aber er geht nicht ins ganz Unbekannte, wie viele andere Emigranten und Flüchtlinge, die Deutschland aus politischen Gründen oder auch aus Glaubensgründen verlassen müssen."
Im Besitz des Künstlers, 1937–#### [1]; bislang unbekannte Provenienz, ####–#### [2]; Buchholz Gallery – Curt Valentin, New York, frühestens 1937–####, mindestens 1941 [3]; Nachlass des Künstlers, New York, 1956 – mindestens 1959 [4]; bislang unbekannte Provenienz, ####–#### [5]; Serge Sabarsky Gallery, New York, ####–Februar 1979 [6]; Henri Nannen Kunsthandel, Hamburg, Februar 1979–September 1986 [7]; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri Nannen, Oktober 1986 [8]
[1] & [2] Das Gemälde ist rückseitig vom Künstler signiert und mit dem Datum »1937« sowie dem Titel »Mid-Ocean« versehen. Dem von Julia Feininger verfassten Werkverzeichnis der Gemälde zufolge vergab Lyonel Feininger (1871–1956) deutsche Titel bis 1937, dem Jahr seiner endgültigen Rückkehr in seine Geburtsstadt New York. Nach seiner Emigration habe Feininger die deutschen Titel selbst ins Englische übersetzt. Das Werkverzeichnis führt für das Gemälde den deutschen und darauffolgend den englischen Titel an (vgl. Julia Feininger: »Œuvre-Katalog«, in: Lyonel Feininger, hrsg. von Hans Hess, Stuttgart 1959, S. 285; vgl. dies. für die Erläuterung zur Betitelung in den »Vorbemerkungen«, S. 246f.). Es ist bisher unbekannt, wann genau Feininger den englischen Titel vergab. Ebenso ist bis dato unbekannt, wann und von wem das Werk in die USA ausgeführt wurde. Feininger emigrierte 1937 nach New York, wohin zeitgleich der jüdische Mitarbeiter Curt Valentin von der Feininger vertretenden Berliner Galerie Buchholz emigrierte. In New York eröffneten Karl Buchholz und Curt Valentin 1937 die Buchholz Gallery – Curt Valentin, die Buchholz mit Kunstwerken aus Deutschland belieferte. Als einer von vier Kunsthändlern war er von 1938 bis 1941 vom Reichspropagandaministerium offiziell mit der »Verwertung« von Kunstwerken im Ausland beauftragt. Es handelte sich um Kunstwerke, die das NS-Regime im Zuge der »Kunstsäuberungen« aus deutschen Museen beschlagnahmt hatte. Hunderte Werke gelangten über den Verkauf von Karl Buchholz an seinen Geschäftspartner Curt Valentin in den Besitz Valentins. Der Verbleib der meisten Werke ist heute unbekannt (vgl. die Kommissions- und Verwertungslisten von Karl Buchholz, wiedergegeben in: Anja Tiedemann: Die »entartete« Kunst und ihr amerikanischer Markt. Karl Buchholz und Curt Valentin als Händler verfemter Kunst, Berlin 2013, S. 276-401). Das Gemälde Schwarze Welle / Mid-Ocean zählt nicht zu den Werken, die Buchholz offiziell in Kommission hatte. Denkbar ist aber, dass Buchholz Werke in Kommission vom Künstler selbst, also noch im Besitz Feiningers hatte oder aber, dass Privatleute, evtl. ehemalige Kunden, ihn mit einem Verkauf beauftragten, womöglich aus NS-verfolgungsbedingten Gründen, auch wenn dies offiziell verboten war.
[3] Das Gemälde wurde 1941 in der Ausstellung Lyonel Feininger des Detroit Institute of Arts in dessen Zweigstelle, dem Russel A. Alger House, ausgestellt. Ein entsprechendes Rückseitenetikett weist die Buchholz Gallery als Leihgeber aus (»The Alger House | Grosse Pointe Farms, Michigan | Artist: Lyonel Feininger | Subject: »Mid-Ocean« | Loan No. 1941. 358 | Lent by: Buchholz Gallery | The Detroit Institute of Arts«; eigentlich nannte sich der New Yorker Ableger der Buchholz Galerie »Buchholz Gallery – Curt Valentin, New York«). Das Gemälde wird unter der Nummer 26 ebenfalls in der begleitenden Ausstellungspublikation gelistet, dort allerdings ohne Angabe des Leihgebers. Ob und über welchen Zeitraum Curt Valentin das Werk in Kommission hatte, ist unbekannt. Die Nennung der Buchholz Gallery als Leihgeber könnte sowohl für eine Kommission sprechen wie auch für einen Besitz des 1954 verstorbenen Curt Valentin.
[4] Vgl. Angabe »Nachlass« im Werkverzeichnis von Julia Feininger, das 1959 erschienen ist (Julia Feininger: »Œuvre-Katalog«, in: Lyonel Feininger, hrsg. von Hans Hess, Stuttgart 1959, S. 285). In welchem vertraglichen Rahmen und zu welchem Zeitpunkt das Gemälde von Curt Valentin zurück zu Lyonel Feininger gelangte, ist unbekannt.
[5] & [6] Bislang sind die Besitzverhältnisse im Zeitraum zwischen der Angabe im 1959 veröffentlichten Werkverzeichnis und dem Ankauf des Gemäldes durch den Henri Nannen Kunsthandel unbekannt.
[7] Rechnung der Serge Sabarsky Gallery, New York, vom 21.02.1979; interne Bestandslisten.
[8] Am 01.10.1986 wurde der Henri Nannen Kunsthandel mit Kunstgegenständen, zu denen das Gemälde von Lyonel Feininger zählte, von Henri Nannen als Zustiftung auf die Stiftung Henri Nannen übertragen; Stiftungsvertrag.
Status: Die Provenienz ist für die Zeit von 1933 bis 1945 lückenhaft und nicht zweifelsfrei unbedenklich. Weitere Nachforschungen sind geboten. Aktuell besteht kein konkreter Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug.
Lost Art-Datenbank: Fundmeldung, Lost Art-ID615342