
KÜNSTLER
Lyonel Feininger (1871 New York, USA – 1956 New York, USA)
TITEL
Figures in a cityscape
DATIERUNG
1935
MATERIAL & TECHNIK
Aquarell und Tuschfederzeichnung
SAMMLUNG
Stiftung durch Henri Nannen
In diesen beiden zauberhaften, kleinen Arbeiten auf Papier zeigt sich Lyonel Feininger als ein Meister der Aquarellkunst. Sehr gut lässt sich daran verfolgen, wie sich der Stil des 1871 in New York geborenen Künstlers im Laufe seines Schaffens veränderte - von der erzählerisch-anekdotischen Schilderung hin zu immer stärkerer Abstraktion und Geometrisierung.
Das frühere der beiden Blätter, 1935 entstanden, setzt eine Stadtlandschaft in brillanten Farben ins Bild: Im Hintergrund ragen die schwarzen Häusersilhouetten einer verwinkelten Altstadtkulisse auf, rechts im Bild verbreitet eine Straßenlaterne ihr gelbes Licht. Der nächtliche Himmel schimmert grünlich. Davor schlendern wortwörtlich "schräge Typen" durch die Szenerie. Feininger hat sie mit karikaturhaftem Witz erfasst. Er hatte seine Laufbahn in Berlin als Karikaturist begonnen und für Zeitschriften wie "Ulk" oder die "Lustigen Blätter" gezeichnet, bevor er als Maler hervortrat und nach dem Ersten Weltkrieg als Meister ans Bauhaus berufen wurde. In der NS-Zeit verließ Feininger, wie viele Bauhaus-Künstler, Deutschland und ging 1937 zurück in seine amerikanische Heimat.
Dort entstand 1954 das zweite der hier gezeigten Blätter, "Ghosties" - "Kleine Geister". Das schwebend leichte Aquarell bevölkern ebenfalls vier menschliche Gestalten, ausgestattet mit Hüten und qualmender Tabakspfeife - bei der Figur vorne rechts. Doch das konkrete situative Umfeld ist jetzt verschwunden: Im freien, abstrakten Raum tummeln sich die Figuren schwerelos und halb transparent, aus wenigen Linien mit leichter Hand und Lineal aufs Blatt gesetzt.
Sie wirken ein wenig melancholisch: Nicht der Realität entsprungen, sondern der Vorstellungskraft des Künstlers. Lyonel Feininger schuf das Blatt zwei Jahre vor seinem Tod.
Unbekannte Provenienz, ####–#### [1]; Nachlass des Künstlers, New York, 1956–mindestens 1959 [2]; Serge Sabarsky Gallery, New York, ####–Juni 1979 [3]; Henri Nannen Kunsthandel, Hamburg/Emden, Juni 1979–September 1986 [4]; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri Nannen, Oktober 1986 [5]
[1] Bislang ist nicht bekannt, ob Feininger das Blatt kurz nach Entstehen in Deutschland verkaufte oder ob es in seinem Besitz verblieb. In den Katalogen zu den Ausstellungen bei Ferdinand Möller 1935 und der Galerie Nierendorf 1936 wird es nicht aufgeführt. Möglich erscheint, dass sich das Werk in Kommission bei Karl Buchholz befand und über dessen Mitarbeiter Curt Valentin in die USA gelangte, wohin sowohl Curt Valentin wie auch Lyonel Feininger 1937 emigrierten und wo Feininger bis zu seinem Tod lebte.
[2] Serge Sabarsky gibt auf seiner Rechnung für das Werk an den Henri Nannen Kunsthandel an, dass sich ein Stempel des Nachlasses Feiningers auf der Rückseite des Werks befindet. Im Bestand des Harvard Art Museum / Busch Reisinger-Museum, das den fotografischen Nachlass von Lyonel Feininger beherbergt, findet sich zudem als Geschenk des Sohnes T. Lux Feiningers ein Farbdia (Object Number BRLF.1001.228), das das Aquarell auf einem hölzernen Untergrund zeigt. Der Nachlass Feiningers hatte mindestens bis 1959 Bestand, dem Jahr, in dem das Werkverzeichnis der Gemälde von Julia Feininger in der Monografie von Hans Hess erschien und Gemälde als zum Nachlass zählend aufführte. Vgl. Hans Hess: Lyonel Feininger, Stuttgart 1959.
[3] & [4] Rechnung der Serge Sabarsky Gallery, New York, vom 6.6.1979; interne Bestandslisten.
[5] Am 01.10.1986 wurde der Henri Nannen Kunsthandel mit Kunstgegenständen, zu denen das Gemälde von Lyonel Feininger zählte, von Henri Nannen als Zustiftung auf die Stiftung Henri Nannen übertragen; Stiftungsvertrag; interne Bestandslisten.
Status: Die Provenienz ist für die Zeit von 1933 bis 1945 lückenhaft und nicht zweifelsfrei unbedenklich. Weitere Nachforschungen sind geboten. Aktuell besteht kein konkreter Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug.