"Deux Fillettes Finlandaises" - "Zwei finnische Mädchen" sitzen an einem Tisch beisammen. Schweigend scheinen sie ihren Gedanken nachzuhängen. Vertrautheit spricht aus der stillen Szene, aber auch ein Hauch von Spannung liegt in der Luft. Doch erst die bis ins extrem gesteigerten Farben verleihen dem alltäglichen Motiv seine ungewöhnliche Faszinationskraft. Solch ein Werk 1907 zu malen, erforderte künstlerischen Wagemut. Schauen Sie sich etwa die Gesichter der beiden Mädchen an: Da trifft leuchtendes Grün auf warmes Rosa und Goldgelb. Bei dem linken Mädchen korrespondiert das Blau der Augen mit einem leuchtend blauen Reflex auf der Wange und der Farbe ihres Kleides. Die Schlagschatten der Gegenstände auf dem Tisch sind nicht als dunkle Partien, sondern kräftig Grün wiedergegeben. Jeder Farbton scheint aus der unmittelbaren Beobachtung der Realität entwickelt, aber in seiner Intensität bis zum Äußersten gesteigert.
Die Malerin Sonia Delaunay-Terk schuf dieses Frühwerk nach einem Sommeraufenthalt mit ihrer Familie in Finnland. Sie war 1885 in Russland als Kind wohlhabender Eltern zur Welt gekommen und zum Studium nach Paris gegangen. Dort griff sie begeistert die Einflüsse der Pariser Avantgarde, insbesondere die stark farbige Malerei der "Fauves" um Paul Matisse auf. 1910 heiratete sie den Maler Robert Delaunay und entwickelte mit ihm zusammen den so genannten "Orphismus", eine leuchtend farbige Malerei mit geometrischen Formen. Sonia Delaunay-Terk entwarf auch Stoffe, Kleider und Inneneinrichtungen und setzte sich so über die traditionelle Trennung zwischen hoher und angewandter Kunst hinweg.
Sie bekannte: „(...) mir genügt es, überall in den Erscheinungen des Lebens Farbkontraste zu sehen. (...) Farbe stimuliert mich: Ich lege mir keine Rechenschaft darüber ab, was ich tue. Es sind Vorgänge, die aus dem Bauch kommen, und so wird es mein Leben lang sein.“
Im Besitz der Künstlerin, 1907–1979 [1]; Charles Delaunay, 1979–1980 [2]; Galerie Gmurzynska, Köln, 1979/1980–April 1982 [3]; Henri Nannen Kunsthandel, Hamburg/Emden, April 1982 [4]; Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri Nannen, Oktober 1986 [5]
[1] & [2] Korrespondenz mit der Galerie Gmurzynska (2022), Bestätigung, dass Charles Delaunay (1911–1988) das Gemälde direkt nach dem Tod seiner Mutter (1885–1979), die am 5. Dezember 1979 verstarb, an die Galerie verkaufte. Die Authentizität des Gemäldes von der Hand seiner Mutter wurde von Charles Delaunay mittels eines Zertifikats vom 12. November 1980 bestätigt.
[3]–[4] Rechnung der Galerie Gmurzynska vom 05.04.1982; interne Bestandslisten.
[5] Am 01.10.1986 wurde der Henri Nannen Kunsthandel mit Kunstgegenständen von Henri Nannen als Zustiftung auf die Stiftung Henri Nannen übertragen; Stiftungsvertrag; interne Bestandslisten.
Status: Die Provenienz ist geklärt, es besteht kein Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug.