3. Oktober 2026 – 28. Februar 2027
Im Jubiläumsjahr zeigt die Kunsthalle Emden ab dem 3. Oktober 2026 die Ausstellung „REBELLINNEN" – eine Präsentation von Werken ausschließlich von Künstlerinnen, die in den Gründungsjahren der Kunsthalle Emden die Kunstszene ihrer Gegenwart beeinflussten. Geprägt von den gesellschaftlichen Strukturen und politischen Verhältnissen, wirkten ihre Arbeiten als malerische Seismographen ihrer Generation.
Die Ausstellung ist von der Künstlerin und Zeitzeugin Bettina Semmer co-kuratiert, die im Umfeld der Neuen Wilden in den 1980er Jahren als Künstlerin arbeitete. Sie stellt neue Fragen und beleuchtet die 1980er Jahre aus ihrer damaligen und gegenwärtigen Perspektive. Neben der Auseinandersetzung mit den Kunstwerken steht der Diskurs mit Zeitzeuginnen und Expertinnen in monatlichen Talkrunden im Mittelpunkt.
Historische Korrektur im Jubiläumsjahr
Die Künstlerinnen zu zeigen, bedeutet eine wichtige historische Korrektur. Die Ausstellung REBELLINNEN wird in die laufende Sammlungspräsentation „Bilder, die wir lieben" integriert: In vier Ausstellungsräumen weichen die Werke männlicher Künstler den Arbeiten der Rebellinnen. Eine Rebalance, die die Sammlung aus sich heraus nicht leisten kann – denn sie spiegelt, wie die Kunstwelt der 1980er Jahre aussah: von Männern dominiert. Die Ausstellung eröffnet den Diskurs und stellt wichtige Fragen zur Gegenwart.
Vertretene Künstlerinnen:
Elvira Bach, Ina Barfuss, Miriam Cahn, Monika Funke Stern, Sabine Herrmann, Johanna Kandl, Jutta Koether, Käthe Kruse, Verena Kyselka, Michaela Melián, Christa Näher, Hilka Nordhausen, Bettina Semmer, Gabriele Stötzer, Rosemarie Trockel, Anna Vonnemann, Weibsbilder u.a.
Die Ausstellung greift eine Tradition auf, die Künstlerinnen der 80er Jahre aus REBELLION gegen die männlich dominierte Kunstwelt der Zeit strategisch anwendeten: die weibliche Seilschaft oder besser: das Netzwerk! Erstmals seit 1986 stellen die Frauen dieser Generation nun wieder gemeinsam aus. Die damaligen Ausstellungen trugen freche Titel wie „Peinture Allemande" (1985 in Rouen) oder kurz „Koether, Semmer, Trockel" (1985 in Sevilla). 1986 brachte Michaela Melián in München gleich sieben Künstlerinnen zusammen – neben Koether, Semmer und Trockel auch Johanna Kandl und Ika Huber. In der Ausstellung „Rebellinnen“ sind Arbeiten von Elvira Bach, Ina Barfuss, Miriam Cahn, Sabine Herrmann, Johanna Kandl, Jutta Koether, Käthe Kruse, Verena Kyselka, Michaela Melián, Christa Näher, Bettina Semmer, Gabriele Stötzer, Rosemarie Trockel und den WeibsBildern zu sehen.
Pionierinnen und Vorreiterinnen
Die Kunstszene der 1980er Jahre war vielfältig: In der Schweiz schufen Miriam Cahn und Klaudia Schifferle unabhängig voneinander figurative Werke, in den Niederlanden wirkte Marlene Dumas, in Österreich Marie-Luise Anzinger und Johanna Kandl, um nur einige Nachbarländer zu erwähnen. Auch Künstlerinnen, die vor 1989 in der DDR tätig waren, werden neu entdeckt: In Berlin malte Sabine Herrmann wilde Bilder gleichberechtigt neben ihren männlichen Kollegen, in Erfurt war es die Frauengruppe Exterra XX, die ihre Multimedia-Arbeiten in die Öffentlichkeit trug, gegen den Strich, angefeuert von Gründerin Gabriele Stötzer, die nun eine der höchsten Auszeichnungen erhält: den Goslar-Ring. Zu nennen wäre auch Cornelia Schleime, die 1983 in Westberlin ganz neu anfing, nachdem sie bei ihrer Ausreise ihr gesamtes bis dahin entstandenes Werk verlor, das bis heute verschollen ist.
Nur wenige dieser großartigen Künstlerinnen schafften es in die Spitze des Kunstgeschehens – denn die 1980er Jahre markierten einen tiefen Rückschritt gegenüber den bereits fortschrittlicheren 1970ern. Die Rückkehr der gestischen Malerei brachte den männlichen Geniekult zurück.
Nicht vergessen sind die Berliner Pionierinnen, die bereits 1970 als Frauenkollektiv an der HdK begannen. Ihr Environment „Die Situation der Frau in der Familie" von 1973 fiel der Zensur zum Opfer. Die wegweisende Ausstellung „Künstlerinnen International 1877–1977" mit ihrer bis heute wichtigen Publikation musste mit viel List gegen zahlreiche Widerstände erkämpft werden. Auch die fünf Malerinnen der Gruppe WeibsBilder hatten in München schon 1977 genug von der männlich dominierten Kunstszene und schufen gemeinsame Werke.
Gender Gap – noch immer Realität
Ist seither alles besser geworden? Bis heute herrscht ein eklatantes Gender Pay Gap von über 30 % in der Bildenden Kunst, verglichen mit 28 % im gesellschaftlichen Durchschnitt – vom Einfluss unbezahlter Sorgearbeit ganz zu schweigen. Die Berliner Initiative „Fair Share – Sichtbarkeit für Künstlerinnen" ermittelte: Unter den zehn männlichen Top-Künstlern im internationalen Ranking befinden sich neun Väter von insgesamt 32 Kindern. Von den zehn Top-Künstlerinnen sind lediglich drei Mütter – jede mit nur einem Kind. Diese Zahlen sprechen Bände.
Von: Bettina Semmer, Künstlerin und Co-Kuratorin der Ausstellung