Kunstwerk des Monats

Die Sammlung der Kunsthalle Emden wächst durch Schenkungen, Zustiftungen und Spenden. Insbesondere den Freunden der Kunsthalle ist es zu verdanken, dass der Bestand regelmäßig Zuwachs erhält und in Abstimmung mit der wissenschaftlichen Leitung wichtige Ergänzungen auch aus der zeitgenössischen Kunst Eingang finden. Hier stellen wir regelmäßig ein Kunstwerk des Monats vor, das von den Freunden für die Kunsthalle erworben wurde.

Kunstwerk des Monats August 2020:
Thomas Wrede: Rhonegletscher II, 2018
Fotografie, Pigmentdruck auf Fine Art Papier, dreiteilig, insgesamt 80 x 260 cm
Schenkung der Freunde der Kunsthalle e.V., 2020

Der Ausgangspunkt meiner fotografischen Arbeiten ist immer wieder die Sehnsucht nach der Natur und die Frage nach ihrer medialen Vermittlung. […] Es ist mir wichtig, in die Welt hinauszugehen und mich der Landschaft mit ihrer spezifischen Licht- und Wettersituation auszusetzen und anregen zu lassen, um dann mit geringen und simplen Mitteln neue Bildwelten zu schaffen, die ausschließlich durch die Fotografie, in der Fotografie, als Fotografie existieren.“

Der Fotokünstler Thomas Wrede (geboren 1963 in Iserlohn, lebt und arbeitet in Münster) beschäftigt sich seit 2017 in unterschiedlichen Werkreihen mit dem Abschmelzen alpiner Gletscher. Darin hält er in Innen- und Außenaufnahmen Eismassen und Grotten fest. Ihre Materialität, das farbliche Spektakel, wie auch die Inszenierung landschaftlicher Veränderung fängt er – nach langjähriger Arbeit mit Plattenkamera und Weitwinkelobjektiv – erstmals digital ein. „Rhonegletscher II“ von 2018 ist einer der Aufnahmen vom Äußeren des titelgebenden Gletschers, die er im schweizerischen Rhonetal angefertigt hat. Das Triptychon zeigt dessen mit Tüchern und Vliesplanen abgedeckte Stirn, die durch diese Verhüllung vor übermäßigem Wegtauen bewahrt werden soll.

Im Rahmen der Sonderausstellung „Sight Seeing. Die Welt als Attraktion“ wurde diese Arbeit durch Mittel der Freunde der Kunsthalle e.V. für die Sammlung angekauft. In der Ausstellung (8. Februar bis 6. September 2020) bildet „Rhonegletscher II“ zusammen mit Arbeiten von Martin Parr, HA Schult, Thomas Virnich und Markus Georg den kritischen Ausblick auf unser aktuelles touristisches Verhalten.

Die Problematik des „overtourism“, also der nichtnachhaltigen, übermäßigen Reisetätigkeit ohne Rücksicht auf die Belastung der Umwelt oder der lokalen historischen Bausubstanz, wird mit dem von Wrede gewählten Bildmotiv exemplarisch dargeboten. Bereits im 19. Jahrhundert reisten tausende Touristen über den Furka-Pass, um das einzigartige Bergpanorama mit dem Rhonegletscher zu erleben. Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts reichte der Gletscher im Quellgebiet der Rhone bis auf den Talboden vor Gletsch. Laut Angaben des hiesigen Tourismusverbands waren allein im Jahr 1914 knapp 20.000 Menschen mit Postkutschen dorthin gereist, um dem Naturschauspiel beizuwohnen. Inzwischen gefährdet der Klimawandel den Gletscher und seine Höhlensysteme und die fortschreitende Erderwärmung führte bereits zur Bildung eines Sees. Der rund acht Kilometer lange Gletscher schrumpft seit Mitte des 19. Jahrhunderts kontinuierlich, zuletzt um rund 8 Meter. Neueste Berechnungen gehen davon aus, dass er bis 2100 vollständig geschmolzen sein könnte.

Dieser unwiederbringliche Verlust wird von Thomas Wrede sensibel ins Bild gesetzt: das erhabene, und doch fragile Gebilde aus Wasser und Eis, wird zum Spannungsfeld menschlicher Intervention. Die menschgemachte Klimakrise sowie der Versuch deren Folgen abzuwenden, sind gleichermaßen sichtbar. Die Vliestücher müssen wegen des kontinuierlichen Abwärtsdriften des Gletschers, der sich teils über zehn Zentimeter am Tag bewegen kann, sowie der Witterung stetig erneuert werden – den Menschen wird so eine Fürsorgepflicht für eine nicht-menschliche Entität zuteil, die unmittelbar von ihrem Handeln abhängig ist. Seine Fotografie stellt den Prozess des Verfalls (der Tücher wie auch des Gletschers) für einen Moment still und entrückt ihn in eine Sphäre ästhetischen Wohlgefallens.

Somit ergänzt „Rhonegletscher II“ die Sammlung der Kunsthalle sinnvoll um eine zeitgenössische Perspektive auf das Genre der Landschaftsdarstellung, die bis heute für Künstler*innen als Spiegel gesellschaftlicher Überlegungen dient und als Sinnbild für mannigfaltige Weltbilder immer wieder neu ergründet wird.

Autorin Samira Kleinschmidt ist Assistenzkuratorin und wiss. Volontärin an der Kunsthalle Emden
 

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