Glasnost-Zeit

Kunst der Glasnost-Zeit

Durch seine journalistische Tätigkeit war Henri Nannen schon früh in der Sowjetunion gewesen: 1955 etwa, als die diplomatischen Beziehungen zwischen der BRD und UdSSR wieder aufgenommen wurden, begleitete er Konrad Adenauer bei seinem Treffen mit Parteichef Nikita Chruschtschow oder 1973, als er Leonid Breschnew interviewte.
Bei diesen Besuchen spielte die Kunst eine untergeordnete Rolle, auch wenn die Besichtigungen der Tretjakow-Galerie, der Kreml-Schatzkammern und der Petersburger Eremitage zum kulturellen Rahmenprogramm gehörten. Der offiziell propagierte Sozialistische Realismus interessierte Nannen jedoch nie.

Anfang der 1980er-Jahre faszinierte ihn hingegen ein bemerkenswert sozialkritisches Bild in der Residenz des damaligen deutschen Botschafters in Moskau: Mit ihm wurde sein Interesse an zeitgenössischer, nonkonformistischer Kunst geweckt. Nannen besuchte darauf hin Ateliers junger Künstler, die sich ihre innere Freiheit bewahrt hatten, wenngleich man sie aus den Künstlerverbänden ausgeschlossen und ihnen Leinwand und Pinsel vorenthalten hatte.

Aus einer von ihm initiierten Ausstellung, die durch Westdeutschland tourte, erwarb Nannen dann einige Arbeiten sowjetischer Gegenwartskunst, die die Grundlage für einen neuen Sammlungsschwerpunkt russischer Malerei bildeten: Der Kern dieses Sammlungsbereichs besteht aus Arbeiten von Maxim Kantor. Er schildert in seinen Werken zahlreiche existenzielle Extremsituationen, sei es im Straflager, in der psychiatrischen Anstalt oder im Krankenhaus. Seine Arbeiten spiegeln Erfahrungen wider, die er teils selbst machen musste, mit seiner Kunst will er Stellung beziehen und den Betroffenen eine Stimme verleihen. Dazu wählt der Künstler bildnerische Mittel, die sich aus der Tradition des Expressionismus herleiten und die er zur Bekräftigung der Aussage des Bildes einsetzt.
Vertreten ist ferner Leonid Purygin, dessen naiv wirkende Malerei als mystischer Realismus einzuordnen ist, während die Bildwelt von Lenina Nikitina geprägt ist von eigenen traumatischen Erlebnissen während der deutschen Blockade von Leningrad.
Auch Lew Iljitsch Tabenkins stille Bilder sind auf elementare menschliche Situationen konzentriert. Die Menschen, die Tabenkin malt, sind wartende, fast apathisch wirkende, meist erdfarbene Gestalten. Bauern und Arbeiter waren auch das Thema des „Sozialistischen Realismus“, Tabenkins Figuren spiegeln aber nicht die dogmatisch idealisierte, sondern die reale Wirklichkeit wider, die Deprimiertheit der Menschen, die nahezu ausweglose soziale Misere und die Hoffnungslosigkeit.
Inspiriert durch den amerikanischen Fotorealismus der 1970er-Jahre, beabsichtigt Alexej Sundukow – ähnlich wie Kantor – mit seiner Kunst der Menschenfeindlichkeit des damaligen Sowjet-Systems im übertragenen Sinne ins Gesicht zu schlagen.