
Kunstwerk des Monats
Franz Radziwill
“Windmühlen am Kanal”, 1923, Öl auf Leinwand, 80 x 85,4 cm, Kunsthalle Emden – Dauerleihgabe aus Privatbesitz
Der Bildaufbau in Franz Radziwills Gemälde Windmühlen am Kanal ist ungewöhnlich: Ein Weg leitet den Blick des Betrachters nicht – wie in der Malerei sonst oft üblich – tief in den Bildraum hinein, sondern im Vordergrund von links nach rechts am Hauptmotiv der beiden Windmühlen vorbei. Statt am rechten Bildrand aus der Szene hinauszuführen, geht er dort in befremdlicher Art und Weise direkt in die düstere Himmelsdarstellung über. Parallel zu ihm verläuft ein befestigter Kanal, auf dem zwei Holzboote treiben. Hinter einer Mauer mit Pforte am Wegesrand lassen sich die beiden titelgebenden Windmühlen erkennen. Sie ragen in den farbenfrohen Bildraum hinein und ziehen die Aufmerksamkeit des Betrachters – unabhängig von der kompositorischen Blickführung – unweigerlich auf sich.
Beim genaueren Hinsehen weist sich die linke der beiden Mühlen – mit der deutlich zu erkennenden umlaufenden Galerie – als eine typische Holländerwindmühle aus. Diese Mühlenart, die um 1600 in den Niederlanden entwickelt wurde, besitzt einen feststehenden Unterbau und eine sich nach dem Wind ausrichtende Kappe.
Etwas versteckter hinter Häusern und Bäumen ist in der rechten Bildhälfte die zweite Windmühle platziert. Obwohl sie nur halb zu sehen ist, lässt sich doch erkennen, dass es sich um einen anderen Typ handelt – vermutlich eine Ständerwindmühle, die in Ostfriesland vor rund 500 Jahren große Verbreitung fand. Sie steht auf einer Art „Bock“, wobei sich der ganze Korpus dem Wind nach ausrichtet. In Radziwills Darstellung wirkt diese Mühle nicht zuletzt durch die grün-gelb-orange Farbgebung filigraner als ihr grau-grünes Gegenstück in der linken Bildhälfte.
Wer sich in Ostfriesland auskennt, wird unmittelbar an die Zwillingsmühlen in Greetsiel erinnert, die in der uns heute vertrauten Form 1921 errichtet wurden – also nur zwei Jahre vor der Entstehung von Radziwills Gemälde. Zwei wichtige Details belegen jedoch, dass das Bild nicht die Greetsieler Zwillingsmühlen zeigt: Zum einen die Tatsache, dass Radziwill zwei verschiedene Mühlenarten dargestellt hat, und zum anderen die unterschiedliche Ausrichtung der Windmühlenflügel, die bei zwei so nahe beieinander stehenden Mühlen eigentlich dem Wind entsprechend in ein und die selbe Richtung zeigen müssten.
Markant ist in Radziwills Gemälde auch die Darstellung des Himmels: Eine gelbe Farbfläche, die die Windmühle in der linken Bildhälfte hinterfängt, trifft vertikal auf eine blaue, die hinter der Rechten in Erscheinung tritt. Getrennt werden die komplementären Farbflächen durch flankierende weiße Gebilde, die an geraffte Vorhänge und damit an eine Bühnenkulisse denken lassen.
Wie ein Bühnenbildner hat Franz Radziwill in seinem Gemälde verschiedene Bildelemente zueinander komponiert. Es wirkt, als habe er sich verschiedener realer Vorbilder bedient und diese auf der Leinwand zusammengebracht. Jede Windmühle steht somit in ihrem eigenen farbintensiven landschaftlichen Kontext.
Verschiedene stilistische Merkmale lassen das Gemälde Radziwills dem Expessionismus zuordnen, wie etwa der Umgang mit der großflächig aufgetragenen Farbe und die Loslösung von einer naturalistischen Farbgebung. Auch die organischen und weichen Formen, die deutlichen Konturen der Bildgegenstände und das Hervorblitzen des Malgrundes an der einen oder anderen Stelle verweisen auf diese Stilrichtung.
Das Gemälde Windmühlen am Kanal stammt aus einer Schaffensperiode des Künstlers, für die Radziwill weniger bekannt ist. In seinen jungen Jahren begeisterte er sich – als künstlerischer Autodidakt – für die expressionistische Arbeit der Künstlergemeinschaft „Die Brücke“ und orientierte sich deutlich an deren Schaffen. Radziwills Gemälde, Zeichnungen und Radierungen dieser Zeit besitzen eine einzigartige Farbintensität, Ausdrucksstärke und Unmittelbarkeit.
Jessica Midding



