Kunstwerk des Monats
Karl Hofer
“Tiller-Girls”, um 1927, Öl auf Leinwand, 110,1 x 88,6 cm, Kunsthalle Emden
In den Zwanzigerjahren kochte Berlin vor Lebenslust. Die Menschen feierten rauschende Feste, auf denen Jazzbands neue Musik spielten und der extrem schnelle, wilde Charleston getanzt wurde. Theater, Lichtspielhäuser, Bars, Kabaretts und Varietés boomten. Nach den entbehrungsreichen Jahren des Ersten Weltkriegs war die gebeutelte Bevölkerung vergnügungshungrig und gierte geradezu nach immer neuen Veranstaltungen. Die Berliner vertrieben sich die Zeit zum Beispiel in einem der bekanntesten Revuetheater der Stadt, dem Admiralspalast. Dort trat die international gefragte Tanztruppe Tiller Girls auf. Bei ihren Auftritten zeigten die Girls viel Haut und begeisterten das Publikum mit präzise synchronisierten Choreografien, die in rascher Folge und identischen Kostümen getanzt wurden. Damit wurde die nach dem britischen Choreografen John Tiller benannte Gruppe zu regelrechten Stars.
Karl Hofer (1878–1955), der seit 1920 mit seiner Familie in Berlin lebte, liebte den Tanz in allen Ausprägungen. Er besuchte häufig das Ballett, ließ sich von einer Lehrerin die aktuellen Gesellschaftstänze beibringen und feierte auf Tanzveranstaltungen die Nächte durch. Natürlich war er auch in den Revuen der Hauptstadt ein regelmäßig gesehener Gast. So verwundert es wenig, dass seit 1926 häufig Motive aus dem Nachtleben zum Thema seiner Gemälde werden: Er malte Jazzbands mit imposanten Pauken und Posaunen, Tänzerinnen beim Auftritt oder in Ruhe sowie Szenen aus den Bars der Stadt. Viele dieser Bilder sind heute verschollen, einige fielen wohl den Beschlagnahmungen der Nationalsozialisten in den Dreißigerjahren zum Opfer, die Tiller Girls überstanden diese Zeit jedoch unbeschadet. Schon kurz nachdem Hofer das Bild 1926 oder Anfang des Jahres 1927 gemalt hatte, war es in den USA auf der 26th Annual International Exhibition of Paintings in Pittsburgh zu sehen und fand dort vermutlich einen Käufer. 1976 erwarb es Henri Nannen, seit 1986 ist es in der Kunsthalle.
Während des Malens veränderte Hofer die Komposition mehrmals. Spuren dieser Überarbeitungen sind auch auf dem fertiggestellten Bild teilweise noch nachvollziehbar. Der Arm der rechten Tänzerin war zunächst nicht nach vorne, in Tanzrichtung gestreckt, sondern nach oben gereckt und nach hinten abgewinkelt. Die ehemaligen Umrisslinien dieses Arms sind deutlich zwischen den Köpfen der beiden Frauen erkennbar.
Die Tänzerinnen präsentierten sich in ihren „Nummern“ zwar aufreizend, traten jedoch nie nackt auf. Hofer weicht also in seinem Gemälde von der Realität ab: Er stellt sie unbekleidet dar und isoliert aus der großen Gruppe der Tänzerinnen zwei, die sich aufgrund ihrer identischen Frisur, gleichartigen Tanzbewegung, ihrer bleicher Haut und ihrem starkem Makeup mit leuchtend rot geschminkten Lippen beinahe wie Zwillinge gleichen. Ihre Bewegungen verraten nichts vom dynamischen, lebenslustigen Tanz ihrer Vorbilder, stattdessen wirken sie teilnahmslos. Dadurch, dass ihre Hände schlaff herabhängen, wirken sie wie Marionetten, die nicht selbstbestimmt und frei tanzen, sondern bewegt werden. Darüber hinaus verleihen der scheckige Hintergrund, die unwirklich bleiche Hautfarbe der Frauen und ihre leeren Augen dem Bild eine beinahe unheimliche Melancholie. Zeitgenossen lobten die „maschinenhafte Präzision“ der echten Tiller Girls – Hofer legt hingegen sein Augenmerk auf die Schattenseite dieses Ideals und offenbart das Seelenlose, Unmenschliche der Vergnügungsindustrie.



