Kunstwerk des Monats
Franz Radziwill
Spaziergang am Stadtrand, 1920, Mischtechnik auf Karton, 69 x 75,5 cm (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2010
Immer wieder sorgt ein Werk des Künstlers Franz Radziwill (1885-1983) für Überraschung und Verwunderung: das Objekt der Irritation ist der „Spaziergang am Stadtrand“, eine Malerei in blassen Naturtönen auf annähernd quadratischem Karton (69 x 75,5 cm) von 1920.
Radziwills zeichnungsartiger, wie bei kindlicher Vereinfachung verfremdeter und dennoch gegenständlicher Malstil ermöglicht dem Betrachter ein schnelles und unkompliziertes Erkennen des Titel stiftenden Motivs: Am unteren Bildrand ist groß, deutlich und aus leicht erhöhter Perspektive ein älteres Paar auf einem Spazierweg im Grünen zu sehen. Sie, das Haar hoch aufgesteckt, geht auf einem Schirm gestützt. Er, einen Hut tragend, folgt mit seinem angeleinten Hündchen. Hinter ihnen liegen Wiesen, Felder und einzelne Häuser.
Bei genauerem Hinsehen löst sich das Erfolgsgefühl des vermeintlich schnellen Erfassens von Bildobjekten und Szene allerdings in Zweifel auf. Der Betrachter gelangt von der einfachen Frage „Was sehe ich?“ zu der schwierigen Frage „Wie sehe ich es?“.
Der Blick wird von einem erhöhten Punkt – an Baumkronen in den oberen Bildecken vorbei – in die Landschaft gelenkt. Diese erscheint als ungewöhnlich verzerrte und gekippte Vertiefung, in der die Landschaftsobjekte zweidimensional und aus leicht erhöhter Ansicht verstreut liegen. Auf eine klassische Einteilung in Vorder- Mittel- und Hintergrund hat der Künstler verzichtet. Stattdessen ist auffällig, dass seine Anordnung der Objekte die quadratische Bildfläche in vier Segmente unterteilt.
Am unteren Bildrand verläuft ein Weg mit hoher schwarzer Laterne, auf dem sich die beiden Spaziergänger zur unteren linken Bildecke hin bewegen. Darüber teilt eine horizontale Achse die Bildfläche. Sie entsteht in der linken Bildhälfte aus einer Reihe gelber, überdimensionierter und stark verfremdeter Blumen. In der rechten Bildhälfte bilden nebeneinandergereihte, vereinfacht dargestellte Bäume mit rot-gelben Kronen die Fortsetzung dieser Achse. Hinter ihnen steht eine dunkel gestrichene Hütte mit großen Fenstern und weißen Gardinen
Mittig oberhalb der horizontalen Achse liegt ein dunkler Acker, auf dem sich zwei winzig gezeichnete Figuren befinden. Er schließt an den Spazierweg an und wird von einem Kutschgespann befahren. In einiger Entfernung erstrecken sich links und rechts des Ackers dunkel-flächige, geometrische Formen. Sie stechen abstrakt aus dem Bildgefüge heraus, könnten jedoch ebenfalls Ackerflächen darstellen.
Ein hohes weißes Haus mit einem angebauten Schuppen dominiert oberhalb der Bildmitte die Landschaft. Vor diesem Gebäude schaffen Farbaussparungen in der grünlichen Fläche Umrisse von Hügelkuppen. Die Hügel, in der rechten Bildhälfte mit Straßenlampen bekrönt, sind in Seitenansicht dargestellt und treten aus der von oben betrachteten Landschaft heraus.
Zuletzt lässt sich in der oberen linken Bildecke ein Platz mit zulaufenden Wegen erkennen. Er ist kreisförmig und aus der Vogelperspektive dargestellt. An seinem Rand befinden sich – in widersprüchlicher Seitenansicht – eine Kirche und ein Haus; dieses ist verkehrt herum dargestellt.
Bei der Analyse zeigt sich, dass Franz Radziwill in dem zweidimensionalen Bild räumliche Bezüge zwischen den einzelnen Objekten und ihrer Umgebung herstellt, ohne auf traditionelle akademische Perspektivlehren zurückzugreifen. Stattdessen setzt er Perspektivwechsel ein, sodass Objekte zugleich von mehreren Seiten gezeigt werden. Zudem setzt er eine übersteigerte Größenstaffelung ein, die zugleich den Eindruck von Nähe und Ferne entstehen lässt. Diese absichtlichen Irritationen im Bildaufbau müssen als konsequent eingesetzte Stilmittel des Künstlers gewertet werden, da sie zur Entstehungszeit des Werkes neuartige Räumlichkeitskonzepte auf einer Bildfläche bedeuteten.
Das Bild „Spaziergang am Stadtrand“ führt aber nicht nur wegen seiner ungewöhnlichen Perspektive zu Überraschungen. Auffällig ist darüber hinaus der herausstechende Malstil im Kontext des Gesamtwerks Franz Radziwills.
Der gebürtig aus Strohhausen an der Unterweser stammende Franz Radziwill wuchs in Bremen auf, schloss dort eine Ausbildung als Maurer ab und studierte im Anschluss bis 1915 Architektur. An der Hochschule belegte er außerdem Kurse in figürlichem Zeichnen und entwickelte Kontakte zu Worpsweder Malern. Sein künstlerischer Werdegang wurde durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. Nach Kriegsende nahm er die Malerei wieder auf und beteiligte sich erstmals an Ausstellungen. 1920 siedelte er nach Berlin um und trat dort der Künstler-Vereinigung „Freie Sezession“ bei. Wie ein Transportaufkleber auf der Rückseite der Leinwand beweist, wurde das Bild „Spaziergang am Stadtrand“ in einer Ausstellung der Freien Sezession gezeigt. Die Arbeit von 1920 kennzeichnet den frühen Malstil Radziwills, der sich in weniger als 10 Jahren von einem expressiv geprägten Stil zu einer altmeisterlich detaillierten Malerei surrealistischer Landschaften und Interieurs entwickelte.
Das Kunstwerk des Monats verweist vorab auf die Ausstellung Franz Radzwill: Meisterwerke in der Kunsthalle Emden (15.1. – 19.6.), mit der die Kunsthalle das Programm im Jubiläumsjahr 2011 eröffnet: 25 Jahre Kunsthalle.
Cassandra Richter-Rose



