Neue Wilde

Der Begriff Neo-Expressionismus bezeichnet eine Kunstströmung, deren Vertreter sich in den 1960er und 70er Jahren in einer Gegenbewegung zu den strengen Formen des Minimalismus und zur Konzeptkunst wieder einer von Expressivität und Emotionalität geprägten Malerei zuwandten.

Zu den Neo-Expressionisten der ersten Stunde zählen unter anderen Georg Baselitz, Markus Lüpertz, A.R. Penck, Karl Horst Hödicke und Bernd Koberling. Eine zweite Blüte erlebte diese Strömung in den Achtziger Jahren mit den so genannten „Neuen Wilden“ zu deren Hauptvertretern Rainer Fetting, Salomé, Bernd Zimmer und – zeitweilig – Jörg Immendorff gehören.

Anknüpfungspunkte dieser Kunstrichtung sind sowohl der Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts als auch die informelle Malerei der Fünfziger Jahre. Charakteristisch ist neben einem unbekümmerten und oft ironischen Umgang mit kunstgeschichtlichen Vorbildern eine große stilistische Vielfalt. Was die Künstler verbindet, sind eine spontane malerische Gestik, oft grelle Farben und eine neue Figuration mit chiffrenhaften Gestalten. Letztere ist in den an Piktogramme erinnernden Figuren von A.R. Penck besonders deutlich ausgeprägt.

Ein thematischer Schwerpunkt dieser vorwiegend deutschen Kunstströmung ist die politische und soziale Situation im geteilten Deutschland, nicht zuletzt, weil mit Penck und Baselitz zwei ihrer wichtigsten Protagonisten aufgrund von Repressalien aus der DDR nach Westdeutschland umgesiedelt waren. Aggressive und provokante Darstellungen zielten darauf ab, gesellschaftliche und politische Tabus zu brechen.

Häufig sind die Werke der Neo-Expressionisten zwischen Figuration und Abstraktion angesiedelt. Baselitz zum Beispiel begann 1969, seine Motive auf den Kopf zu stellen. Durch die mit dieser Motivumkehr verbundenen Abstraktion konnte er malerische Fragen in den Vordergrund rücken, ohne die Gegenständlichkeit der Darstellung aufgeben zu müssen.

Im weiteren Sinne ist auch der dänische Maler und Bildhauer Per Kirkeby zu den Neo-Expressionisten zu rechnen, der in den Siebziger Jahren zu einer expressiven, gestischen Malerei fand. Das zentrale Thema seiner Gemälde und Plastiken ist die Natur, jedoch nicht in Form des klassischen Landschaftsbildes. Vielmehr verdichtet sich die Landschaft in seinen Bildern zu vielschichtigen Strukturen, die Assoziationen an jahreszeitlicher Stimmungen, Wetterphänomene oder den Charakter bestimmter Orte wecken, ohne dass Natur gegenständlich abgebildet wird.